Geschichte der evangelischen Gemeinde in Pfersee

Die Anfänge

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte das Dorf Pfersee zu Vorderösterreich, Amt Burgau. Deshalb war es evangelischen Christen verboten hier zu leben, da sie verdächtig waren, für feindliche Mächte zu spionieren. Erst nachdem Pfersee zu Bayern gekommen war, wurde dieses Verbot aufgehoben. So lebten Mitte des 19. Jhd. erstmals etwa 30 Evangelische in Pfersee.

Mit Beginn der Industrialisierung und der Ansiedlung der Spinnereien und Webereien stieg Zahl der Evangelischen, die hier Arbeit suchten und fanden, sprunghaft an. Um 1880 wohnten 550 Evangelische in Pfersee, um die Jahrhundertwende etwa 1000 und um die Zeit des 1. Weltkriegs schließlich 2000.

Seit 1870 wurden in Pfersee evangelische Gottesdienste in verschiedenen Wirtshäusern gefeiert.

1885 kam Schwester Käthe Stahl, die erste evangelische Diakonisse, nach Pfersee. Gemeinsam mit ihren Mitschwestern kümmerte sie sich um Menschen, die in Not geraten waren. Die Gemeindeschwestern besuchten die Kranken, halfen den Witwen, versorgten Familien mit Essen, Kleidung und manch einer Mark. Und dabei hatten sie und ihre Nachfolgerin alle Hände voll zu tun, denn die Armut in den Arbeitervierteln war unvorstellbar groß. 

Das Bethaus – ein Haus für Kinder

1888 nahm man den Bau des Bethauses in Angriff. Am 19. Januar 1888 war das Grundstück in der Jakobine-Lauber-Straße gekauft worden, für die ungeheure Summe von 1530 Mark – wenn man bedenkt, dass ein damaliger Arbeiter am Tag 2 Mark verdiente, kann man sich ausrechnen, wie hoch die Bauschuld war und verstehen, dass sie den beiden Pfarrern von St. Anna, die damals für die Pferseer zuständig gewesen sind, einiges Kopfzerbrechen bereitete. Bereits am 2. Weihnachtsfeiertag desselben Jahres konnte die Gemeinde den 1. Gottesdienst in ihrem neuen Betsaal feiern. 1903 wurde das Bethaus nach Norden hin erweitert, 1910 fand die Erweiterung nach Süden statt.

Die wichtigste Aufgabe, die die Diakonissen im Bethaus erfüllten, war die Betreuung der Kinder der Arbeiterinnen. 1888 haben sie mit 100 Kindern begonnen, während des 1. Weltkriegs betreuten sie 385 Kinder.

Darüber hinaus bot das Bethaus den Arbeiterfamilien einen Ort, an dem man sich treffen, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam Gottesdienste feiern konnte. Eine Zeitlang beherbergte es sogar ein Altersheim, in dem ältere Frauen ihren Lebensabend verbringen konnten.

Die evangelischen Pfarrer von Pfersee

Erst 1922 wurde die Pfarrstelle in Pfersee gegründet. Bis dahin wurde die Gemeinde entweder von den Pfarrern von St. Anna betreut oder von so genannte Hilfsgeistliche begleitet. Womit die Gemeinde – wenn man den Berichten folgt – allerdings nicht schlecht gefahren ist.

1922-1952                  Pfr. Theodor Niklas

1952-1966                  Pfr. Kurt Dannenbauer

1966-1981                  Pfr. Karl Kögel

1983-1994                  Pfr. Dr. Wolfram Lohse

1995-2005                  Pfr. Heinz Peschke

Seit 1. Nov. 2005         Pfrn. Stéphanie Fessler

Bau der Kirche St. Paul

Nachdem schon um 1923 erstmals Pläne zum Bau einer evangelischen Kirche gemacht wurden, die allerdings aufgrund der unsicheren Zeiten wieder verworfen worden sind, begann man in den 60er Jahren mit der Planung der Kirche St. Paul

Am 8. Oktober 1957 wurde durch die Evang.-Luth. Gesamtkirchenverwaltung ein Kirchenbauplatz gekauft, in unmittelbarer Nachbarschaft zur alten katholischen Kirche von Pfersee. 1959 übernahm Gustav Gsaenger, Architekt aus München, die Planung und Bauführung.
Im Juli 1962 begann der Bau und am 17. Nov. 1962 folgte die Grundsteinlegung.
Ende 1962 wurden bei der Erdinger Glockengießerei Czudnochowski fünf Glocken in Auftrag gegeben.
Am 8. November 1963 konnte Hebauf gefeiert werden und am 14. Juni 1964 wurde schließlich die neue Kirche St. Paul eingeweiht.  

Und wie ging es weiter?

Nach dem Bau der Kirche hatte der ehemalige Betsaal seine gottesdienstliche Funktion verloren. Im Juni 1974 zog die Kindertagesstätte St. Paul in ihr neu errichtetes Gebäude in der Uhlandstraße 2. Im Jahr 1977 verließ mit Schwester Marie Wüst die letzte Diakonisse die Station Bethaus-Pfersee.

Danach war eigentlich der Abriss des Bethauses geplant. Doch das große Engagement zahlreicher Menschen konnte dies verhindern. Heute ist im ehemaligen Betsaal eine Einrichtung der Klaucke'schen Stiftung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Im Mittelteil hat die evangelische Sozialstation Pfersee-Kriegshaber ihre Büroräume untergebracht und im Südteil befinden sich die Gemeinderäume. Die Kindertagesstätte St. Paul leistet –  nun sozusagen von gegenüber – in bewährter Tradition ihre Arbeit.

Quelle:
100 Jahre Bethaus St. Paul in Pfersee
Festschrift zur Weihe der evangelischen St. Paul-Kirche Augsburg